Deserteure oder Freiheitshelden?
Jan 27th, 2012 | By Bernd Biege | Category: Alles Irland?
Deserteure haben bei mir per se einen Stein im Brett – wenn sie sich unerlaubt von der Truppe entfernen, um dem Wahnsinn des Krieges zu entgehen. Oder wenn sie einem totalitären Regime den Rücken kehren. Im letzteren Fall mögen sie auch im Kampf gegen das Regime wieder zu den Waffen gegriffen haben. Es gibt gute Gründe zum Desertieren. Strafbar bleibt es allemal.
Genau dies aber will man in Irland jetzt wegdiskutieren, Justizminister Alan Shatter (Fine Gael) will sogar eine “Amnestie” herbeiführen. Wenn heisse Luft nur als Energiequelle eingesetzt werden könnte …
Worum geht es konkret? Ganz grob gesagt um Iren, die im Zweiten Weltkrieg in der britischen Armee dienten und gegen (unter anderem) Deutsche und Japaner kämpften. Das war, um es ganz klar zu sagen, nie und nimmer illegal und auch kein grosses Problem. Selbst heute noch kann ein Dubliner für Königin und Union Jack in Afghanistan oder im Irak den Kopf hinhalten. Wildgänse des XXI. Jahrhunderts.
Die Iren, die jetzt aber plötzlich in den Schlagzeilen sind, haben nicht einfach des Königs Schilling genommen. Sie waren Deserteure. Angehörige der irischen Armee, die sich ohne Erlaubnis ausser Landes begaben, um in den Krieg zu ziehen. Und ein Deserteur ist nunmal … ein Eidbrüchiger und Gesetzesbrecher. So wundert es dann auch nicht, dass die Deserteure nach Ende ihrer britischen Dienstzeit keineswegs eine Parade als Empfang erwartete. Und dass sie auf eine “Schwarze Liste” kamen, die ihnen den (Rück-)Weg in den Staatsdienst unmöglich machte.
Ganz ehrlich – in meinen Augen ganz normal.
Jetzt wollen die letzten Überlebenden, ihre Hinterbliebenen und auch Alan Shatter eine “Amnestie”. Und ich frage mich: Eine Amnestie von was? Die Kriegsheimkehrer sind nicht gesetzlich belangt worden, lediglich ihr Dienst in der irischen Armee wurde unehrenhaft beendet (welch eine Überraschung) und der Staat traute ihnen nicht mehr. Wie auch? Hatten sie nicht eindeutig bewiesen, dass es mit ihrer Staatstreue keineswegs weit her war?
Das ist alles egal, heisst es nun in den Medien, denn:
We’d all be speaking German if these men hadn’t gone out to fight!
So analysierte es jedenfalls Patrick Reid aus Balbriggan gestern im Indo – ohne die unfreiwillige Ironie zu erkennen, dass sein Vater Paddy nie gegen die Deutschen kämpfte, sondern den Krieg in Burma verbrachte. In einem klassischen Kolonialkonflikt. Und in Sachen “wir würden alle Deutsch sprechen” mag ich nur anmerken, dass die angeblich fast 5.000 irischen Deserteure an alliierter Seite an der Verhinderung dieses Schicksals wohl ein Fitzelchen weniger Anteil hatten als rund zehn Millionen gefallene oder in Kriegsgefangenschaft umgebrachte Sowjetsoldaten.
Aber rechnen wir nicht lange, denn der Tenor ist ja, dass die irischen Deserteure einfach tapfere Recken gegen Hitler waren und somit unseren ewigen Respekt verdienen. Einerseits sicher richtig, aber was wissen wir über die wahren Beweggründe? Hier wird es wieder recht merkwürzig. Hören wir noch einmal Patrick Reid zu:
There was low morale in the Irish Army, poor conditions, boredom, poor pay. The Army had nothing to do but sit there while the war was on.
Excuuuuuuse me? Also … angesichts der 25 Millionen Kriegstoten (ohne Zivilisten) hätte ich ja Langeweile und schlechte Bezahlung als durchaus sinnvolle Alternative angesehen. Nennt es Feigheit vor dem Feind oder Selbsterhaltungstrieb. Und keiner der von Reid genannten Gründe hat mit einer Verhinderung der deutschen Sprache zu tun.
Eine weitere Stimme zu den edlen Beweggründen der Deserteure – Patrick Martin, dessen Grossvater Phillip Farrington desertierte und in der britischen Armee in Frankreich und Deutschland kämpfte (dabei, natürlich, “helping to liberate Bergen-Belsen“). Was sagt der Enkel?
From what I’ve heard, there was a mixture of reasons why he enlisted in the British army. The war was on and he had just married so he needed the money and the pay was better than in the Irish Army. Boredom had a little to do with it – they were doing nothing here.
Auch hier: Kein Wort in Sachen “gegen Hitler”, Langeweile und Geld waren es. Und dafür liess man dann die Frau allein zu Hause – mercenary attitude at its best. Or worst.
Wozu also eine Amnestie? Die Straftat, das Desertieren an sich, lässt sich nicht wegleugnen – man hat das Vaterland in der Stunde der Not im Stich gelassen, weil einem die Stunde der Not zu langweilig war und die Briten mehr zahlten. Das mag nicht in allen Fällen so gewesen sein. Aber so, wie es die oben zitierten Kinder und Kindeskinder in den Medien darstellen, wird es zur Farce.
Und die Aufhebung des Einstellungsverbotes im Öffentlichen Dienst? Soll das die Amnestie sein? Na, dann kann der heute 91jährige Phillip Farrington ja schonmal seine Bewerbungsschreiben vorbereiten …
Aber mit Deserteuren hatte man überall und immer seine Probleme. Man nehme nur den skurrilen Fall des US-Piloten Martin James Monti, der zu den Deutschen überlief und in der SS Standarte “Kurt Eggers” zum Untersturmführer aufstieg. Am Kriegsende ergab er sich in SS-Uniform der US-Armee, wurde als Deserteur verurteilt und dann begnadigt … unter der für mich vollkommen grotesken Bedingung, dass er wieder US-Soldat werde.
Wenigstens das FBI erkannte diese widersinnige Situation und verhaftete Sergeant Monti 1948 erneut. Er wurde zu 25 Jahren Haft verurteilt und kam diesmal erst 1960 wegen guter Führung auf freien Fuss.
Und in der alten Heimat? Per Pauschalerlass wurden 1998 (bzw. 2002) alle Urteile wegen Desertion aus den Streitkräften des “Dritten Reiches” aufgehoben. Für Deserteure aus der Nationalen Volksarmee gilt anderes Recht – der Bundestag entschied, dass Fahnenflucht “überwiegend kein politisches Delikt” gewesen sei. Und somit nicht pauschal rehabilitierungsfähig.
Da man Irland im “Emergency” (den Zweiten Weltkrieg gab es hier ja nicht) wohl kaum mit Nazideutschland gleichsetzen kann, wäre eine Einzelprüfung der “Rehabilitierungsfähigkeit” wohl angebrachter als die Shatter-Amnestie … aber das macht Arbeit und ist nicht populistisch genug.

Das eigentliche Problem hierzulande war das diese Männer nie vor einem (Militär)gericht gestellt würden sondern auf undurchsichtige Weise auf irgendwelche Schwarzlisten endeten. Das verdient eine Berichtigung.
Ansonsten ist die Frage halt im Strudel der (nötigen) Geschichts-überdenken geraten wo im Moment viel Hitze und wenig Licht produziert wird.
Viel Hitze und wenig Licht … das passt.
Dass die Männer sich nie vor einem Gericht verantworten mussten, ist ja eigentlich ein Entgegenkommen des Staates gewesen. “Undurchsichtig” ist diskutabel – Emergency Powers (No. 362) war ja keine Geheimsache.